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Das versteckte Germersheim

Viele Studierende in Germersheim teilen wohl etwas wie eine „Hassliebe“ gegenüber der kleinen Stadt am Rhein, in der unser Fachbereich beheimatet ist. Ja, wir lieben alle den kleinen, übersichtlichen Campus, die Familiarität, die Atmosphäre zwischen Dozierenden und Studierenden, die Mensapartys und das schöne Wetter, aber ansonsten können wir Germersheim nur wenig Positives abgewinnen. Die Einwohner sind uns gegenüber zu uninteressiert, die Luft immer zu schwül und die Moskitos zu aggressiv. Während der Einschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie hatte ich viel Zeit, durch lange Spaziergänge oder Fahrradtouren einige neue Seiten der Stadt kennenzulernen – stets mit dem Ziel, irgendwann mal jede einzelne Straße in Germersheim abgelaufen zu sein. Dabei habe ich viele Bausünden und fragwürdige Gartengestaltungen entdeckt, genauso aber auch wunderschöne, ruhige und versteckte Orte, die mir in drei Jahren Germersheim nicht aufgefallen sind. Kommt also mit auf eine kleine Reise durch unseren Ort, auf der ihr merken werdet, dass man kein Auto braucht und sich auch nicht den Gefahren der öffentlichen Verkehrsmittel aussetzen muss, um in der Natur ausspannen zu können. Und keine Angst, dies hier wird kein Text über Wertschätzung der Heimat oder Zufriedenheit mit dem, was vor der eigenen Haustür liegt. Wie viele von uns FTSK-lern liebe auch ich es, in die Ferne zu schweifen und in neuen Ländern neue Orte kennenzulernen. Doch in der Tat liegt eben auch viel Gutes sehr nahe… Solange es also nicht möglich ist, Grenzen zu überqueren, sollten wir doch versuchen, dieses „Gute“ ein bisschen näher kennenzulernen!

 

Unser Spaziergang beginnt im Norden von Germersheim am Kreisel auf der Bahnhofsstraße, zwischen Schwanenweiher und dem Ende des Ludwigsparks. Hier führt zwischen der Ausfahrt Bahnhofstraße Richtung Stadtzentrum und der Ausfahrt Richtung Industriegebiet ein kleiner befestigter Schotterweg in einen Wald hinein. Sobald man diesem eine Minute gefolgt ist, ist der Lärm der Straßen vergessen und man findet sich in einem naturbelassenen, fast „wild“ erscheinenden Stückchen Ruhe wieder. Es gibt hier mehrere Abzweigungen, an denen sich Schrebergärten befinden, aber solange man dem Hauptweg folgt, der immer an der Queich oder an einem ihrer Nebenflüsse entlangführt, kann man sich nicht verirren. Für Pflanzenliebhaber gibt es eine zusätzliche Attraktion: Die Lokale Agenda 21 Germersheim hat unter anderem hier einen „Baumlehrpfad“ angelegt. Einzelne Bäume, die – etwa wegen ihres Alters – besonders sehenswert sind, sind mit einer grünen Plakette markiert. Die genaue Beschreibung und Geschichte dieser Bäume könnt ihr im Wegweiser der Lokalen Agenda nachlesen, den ihr im Ludwigspark vor dem Osteingang des Ludwigstores (gegenüber vom alten Lidl) bekommt. Dort befindet sich der Start- und Zielpunkt des Baumlehrpfades, der einmal ganz Germersheim umkreist. Unter einer Linde vor dem Ludwigstor werdet ihr einen kleinen Briefkasten sehen, aus dem die Wegweiser entnommen werden können. Der Pfad, den ich hier beschreibe, heißt laut diesem Wegweiser „Schlangenweg“. Diesem könnt ihr etwa 15-20 Minuten folgen, bis ihr am Bahnhof Mitte/Rhein wieder auf Zivilisation stoßt.

Wir bleiben im Westen der Stadt, befinden uns jetzt aber auf der August-Keiler-Straße, etwa auf der Höhe der Häuser 37-39. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich eine Einfahrt zum Parkplatz des Friedhofs, und ein Schild mit der Aufschrift „Am Bornpfuhl“. Da wollen wir hin! Wir laufen den kompletten Parkplatz entlang und gehen dann bergab auf einen Waldweg, der uns in das gleichnamige Vogelschutzgebiet bringt. Hier sind verschiedene natur- und umweltfreundliche Initiativen zu bewundern, etwa ein wunderschöner Kräutergarten, Insektenhotels oder Nistkästen – alles vom Verein für Natur- und Vogelschutz e.V. Germersheim. Wenn man dem Waldweg weiter folgt, erreicht man einen kleinen Steg, der in eine Art Gewässer führt, möglicherweise eine Rheinaue. Hier kann man Enten und andere Vögel oder – mit ein wenig Glück – eine Biberratte beobachten. Vom Steg zurück Richtung Wald und dann links über eine schmale Brücke kommt man bald an einen Weg, der an den Bahnschienen entlangführt. Bevor man hier jedoch losläuft, sollte man kurz die Geräusche dieser kleinen Oase auf sich wirken lassen. Die Straße auf der einen und die Schienen auf der anderen Seite sind nur wenige Meter entfernt, und doch hört man – solange kein Zug vorbeifährt – nur das Zwitschern der Vögel und den Wind in den hohen Bäumen. Der Weg an den Schienen bringt euch jetzt in etwa zehn Minuten zum Bahnhof Mitte/Rhein.

Aufmerksame Leser*innen werden gemerkt haben, dass sich die beiden Spaziergänge sehr leicht über den Bahnhof Mitte/Rhein kombinieren lassen. Falls ihr aber jetzt, wo die Uni wieder angefangen hat, nur schnell eine halbe Stunde frische Luft schnappen möchtet, ist einer dieser beiden Wege genau das Richtige. Abgesehen von diesen beiden Naturoasen möchte ich euch einige weitere Orte vorstellen, die man normalerweise einfach im Vorbeigehen passiert und denen zumindest ich bisher nur wenig Achtung geschenkt habe. Da ist zum Beispiel die alte Turnhalle an der Zeughausstraße zwischen dem Straßenmuseum und der Carnot’schen Mauer, die aussieht, als würden dort nachts Underground Techno-Raves stattfinden. Tatsächlich wird die Turnhalle als Veranstaltungsort beispielsweise in der Kultur- und Museumsnacht genutzt und seit 2019 gibt es eine Bürgerinitiative für deren Erhalt (Quelle: Homepage der Germersheimer Bürgerinitiativen http://germersche.de/wordpress/turnhalle/).

 

 

Wenn ihr euch ein wenig vom Boden der Tatsachen erheben wollt, könnt ihr vom Dach des Weißenburger Tors aus die Sicht über den Lamotte-Park genießen. Hierfür müsst ihr nur vom Vordereingang des Tors nach rechts gehen und dann die Treppe hinauf.  Eine ähnliche Aussicht – diesmal auf den Ludwigspark – habt ihr von diesem kleinen Hügel im Park. Den kleinen Weg, der dort hinaufführt, findet ihr, wenn ihr die Straße zwischen Ludwigstor und altem Lidl weiter Richtung Bahnhofsstraße lauft, auf der linken Seite.

 

Ein letzter Vorschlag von mir: Geht mal (window-)shoppen in der Marktstraße! Abgesehen davon, dass die Straße sich ziemlich gut für coole kleine Cafés eignen würde und ich nicht ganz verstehe, warum sich das studentische Leben hauptsächlich im Bereich Ludwigsstraße/Königsplatz abspielt, gibt es hier sehr spezielle kleine Läden mit interessanten Angeboten. Den Rana World Markt mit den internationalen Spezialitäten kennen ja wahrscheinlich viele von euch, auf derselben Straßenseite befindet sich aber auch ein kleiner Second Hand/Krimskrams-Laden, der immer samstags geöffnet hat. Gegenüber gibt es ein Geschäft für antiquarische Elektrogeräte wie zum Beispiel Kaffeemaschinen zu entdecken.

 

In diesem Sinne: Haltet die Augen auf und viel Spaß beim Entdecken!

 

von Katharina Stevens

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter und Renate Walden (Sonntag, 10 Mai 2020 10:39)

    Wir waren noch nie in Germersheim. Der Bericht hat uns neugierig gemacht. Es ist ja auch nicht so weit von Heidelberg aus. Warum in die Ferne schweifen? Wir sind sehr gespannt.